Hallo, Meli,
zunächst einmal: Kudos dafür, dass Du Dich so für Deinen Mann einsetzt und die besten MM-Behandlungsmöglichkeiten auslotest. Mal ganz unabhängig vom MM und im Hinblick auf den Schlaganfall: Es ist ungewöhnlich, dass jemand in so jungen Jahren einen Thalamusinfarkt bekommt. Schön, dass das bei Deinem Mann weitgehend symptomlos geblieben ist, und dafür dürft ihr dankbar sein. In vielen Jahren meiner Arbeit in der Neurologie habe ich da ganz andere Fälle gesehen, Patienten mit bleibenden Gedächtnisstörungen, sensomotorischen Beeinträchtigungen sowie Beeinträchtigungen der visuellen Wahrnehmungsfähigkeit. Denn der Thalamus ist durchaus eine sehr wichtige Struktur im Gehirn, sozusagen eine Art riesiger Rangierbahnhof (auch Tor zum Bewusstsein genannt). M.E. wäre es also wichtig, herauszufinden, was denn die Ursache für den Schlaganfall war und ob es noch Risikofaktoren gibt, damit sich so etwas nicht wiederholt. Aber das wisst ihr wahrscheinlich schon.
Ich sage Dir mal meine ganz persönliche Meinung zum MM, zur Behandlungsstrategie und zum Einsatz von CAR-T in der Erstlinie. Dazu musst Du wissen: Ich bin 8 Jahre dabei (Diagnose mit 56), mit autologer Stammzelltransplantation und CAR-T-Zelltherapie in der Zweitlinie. Momentan in kompletter Remission und unter Gamunex für die Auffüllung der Immunglobuline und alle drei Monate Bisphosphonate - das ist zwar keine Erhaltungstherapie im üblichen Sinne nach CAR-T, sondern eher eine Art Nachbehandlung für die Dauer mehrerer Monate.
Zunächst einmal: Egal, was man im Internet so lesen kann, denke ich, dass das MM auf absehbare Zeit für die meisten von uns sehr wahrscheinlich nicht heilbar sein wird. Also einmal behandeln, und das war es dann, wird nicht funktionieren, auch nicht, wenn man mit sehr aggressiven Methoden da bereits in der Erstlinie draufhaut. Denn egal, wieviel MM-Zellen man erledigt, meistens schafft es die ein oder andere, sich zu verstecken, und die mutiert dann gerne und kommt gemeiner und hinterhältiger zurück. Es geht vielmehr darum, möglichst viele MM-Zellen zu erwischen, das nennt man tiefes Ansprechen oder auch MRD-Negativität (MRD=Minimum Residual Disease=Minimale Resterkrankung).
Wie Flo ganz richtig schreibt, ist die MM-Behandlung ein Marathon, und kein Sprint. Es geht also darum, in jeder Behandlungslinie möglichst viele Jahre zu gewinnen (insbesondere als junger Patient), bis diese Behandlung sozusagen "abgenutzt" ist, das MM zurückkehrt (gegenwärtig bei 90-95 % der Erkrankten) und dann die nächste Therapielinie notwendig wird (und in der Zwischenzeit vielleicht wieder neue Medis oder Strategien entwickelt worden sind).
Natürlich könnt ihr jetzt den Weg über die Studie in Tübingen gehen, aber was ich da so gelesen habe, also CAR-T in der Erstlinie kombiniert mit Bispezifischen Antikörpern, das ist schon heftig. Was ihr nicht wissen könnt, denn es ist ja eine Studie, ist, ob ein gewolltes tiefes Ansprechen durch diese aggressive Vorgehensweise mit einem frühen Abnutzen wichtiger Medis, nämlich der bispezfischen Antikörper, die optimal erst in der dritten Behandlungslinie eingesetzt werden sollten, einhergeht, insbesondere dann, wenn man gegen die MM-Oberflächenproteine BCMA (CAR-T) und GPRC5D (Talquetamab) gleichermaßen vorgeht. Und ob die Nebenwirkungen Deinen Mann nicht überfordern und er aus der Studie aussteigen muss. Egal, wie fit er ist, das kann man vorher nicht wissen. Ich würde daher, wenn ich mich für dieses Studiendesign entscheide, in jedem Fall überlegen, ob ich nicht zur Sicherheit dennoch Stammzellen sammeln lasse - egal, ob ich die mal brauche oder nicht.
Wenn ich richtig gelesen habe, bekommt Dein Mann jetzt Dara-VRd, das ist der momentan goldene Standard in der Induktionstherapie vor einer autologen Stammzelltransplantation. Also sozusagen die Erstlinie. Wenn das MM dadurch gut zurückgedrängt werden kann - darauf ist ja jetzt zu hoffen - dann wäre eine Stammzellsammlung möglich. Hier mal eine Zahl, die ich neulich aus Heidelberg (Vortrag Dr. Bärtsch vom 03.05.2025) gehört habe: Mit der neuen vierfach-Kombination DVRd, autologer Stammzelltransplantation (ASZT), Konsolidierungstherapie und Dara-Lenalidomid in der Erhaltungstherapie sind nach neuen mathematischen Modellen bis zu 17 Jahre Krankheitsfreiheit (oder auch PFS=progressionsfreie Zeit) drin. Und das in der Erstlinie. Und dies sind bereits vorliegende wissenschaftliche Erkenntnisse und nicht ungewisse Studienerwartungen (die zugehörige Studie: PERSEUS). In 17 Jahren kann viel passieren im Forschungsbereich.
Eine CAR-T-Zelltherapie ist auch nach einer ASZT noch möglich. Gibt wieder einige Jahre drauf, bei einigen von uns ist damit sogar eine Art "funktioneller Heilung" möglich. D.h. Krankheitsfreiheit geht dann solange, dass es die normale Lebenserwartung erreicht. Und nach CAR-T haben wir dann BCMA-Bispezifische Antikörper. Und danach GPRC5D-Bispezifische Antikörper. Immer schön Schritt für Schritt. Was danach kommt, wissen wir heute noch nicht, aber man arbeitet dran.
Wie gesagt, das ist nur meine Meinung. Was ich aber für sehr wichtig halte: Da jedes MM anders ist und wir Menschen auch auf Behandlungen immer anders reagieren, sollte man auf dem langen, langen Therapieweg möglichst "open-minded" bleiben, also Therapieoptionen nicht von vornherein ausschließen und alles auf eine Karte setzen.
Und: Die Anbindung an ein MM-Zentrum mit Spezialisten ist sehr wichtig, im Süden z.B. Würzburg oder Heidelberg, ich selbst bin in Erlangen sehr gut aufgehoben.
Ich wünsche euch viel Erfolg auf eurem Weg mit dem MM...
Folge Deinem Herzen, aber vergiss dabei nicht, Dein Hirn mitzunehmen.
(Alfred Adler)