Hallo,
die Zuhilfenahme von Studienergebnissen für eine persönliche Entscheidungsfindung bei der Behandlung des eigenen MM ist m.E. eine sehr gute Idee. Im Lichte der sich rasant entwickelnde Fortschritte in der MM-Forschung ist es jedoch nicht einfach, hier den Überblick zu behalten. Und es scheint so zu sein, dass einige Erkenntnisse früherer Studien nicht mehr vollumfänglich gelten. Insbesondere das Hinzufügen von einem monoklonalen Antikörper wie Daratumumab und in Zukunft Isatuximab in der Induktionstherapie, Konsolidierungsphase- und ggf. auch in der Erhaltungstherapie stellt einen Paradigmenwechsel von einer Triplet- zu einer Quadruplet-Behandlung dar. Damit ist die Frage, ob durch eine ASZT nur das progressionsfreie Intervall, nicht aber das Gesamtüberleben verlängert wird, mehr als offen. Immer häufiger sind in der Forschung auch nicht PFS oder OS das prognostische Zielkriterium, sondern die MRD-Negativität.
Mal beispielhaft hier zwei der zitierten Studien.
Die IMF2009 Studie aus dem Jahr 2017 untersucht MM-Patienten mit VRd in der Induktionsphase und teilt diese dann in zwei Gruppen auf: ASZT gegen VRd. Die ASZT-Patienten haben 50 Monate PFS, ohne sind es nur 36 Monate. OS ist zwar gleich, aber in der VRd-Gruppe gab es ein 53 % höheres Risiko für eine Erkrankungsverschlechterung.
In der SWOG777 Studie (2020) wurden MM-Patienten mit VRd gegen Rd in der Induktion verglichen. Ich habe gelesen, dass das OS in der Rd-Gruppe 69 Monate war, in der VRd Gruppe 2020 aber noch nicht erreicht war.
Wichtig ist m. E. auch noch Folgendes: Die Ergebnisse in einer Studie bilden nicht die Behandlungsrealität ab. Das Gesamtüberleben kann ja in einer Studie nur ermittelt werden durch diejenigen Patienten, die unter der laufenden Studie verstorben sind. Da das oft nicht viele sind, gibt es im statistischen Vergleich mit dem PFS hier gerne mal Verzerrungen. Tatsächlich ist es aber so, das bei einer Erkrankungsverschechterung in der wirklich wahren Welt doch dann, wenn das rechtzeitig erkannt wird, zu einer anderen Behandlung gewechselt wird. Wie hoch also das tatsächliche Gesamtüberleben eines bestimmten MM-Patienten über die verschiedenen Behandlungslinien tatsächlich ist, darüber gibt es noch keine verlässlichen Zahlen; sehr wahrscheinlich ist es aber mit einer ASZT um Jahre höher. Ohne ASZT mit anschließender Erhaltungstherapie mit Lenalidomid hat man nach meinem Kenntnisstand gegenwärtig auch kein Anrecht auf eine CAR-T-Zelltherapie mit Carvykti in der Zweitlinie (man möge mich korrigieren, wenn ich hier falsch liege). Das engt die Behandlungsoptionen zusätzlich ein und verringert für viele von uns das OS.
Natürlich ist eine ASZT nicht ungefährlich und kein Spaziergang, auch an meine Mobilisierungschemo und die Stammzellsammlung habe ich keine guten Erinnerungen. Vielleicht brauchen wir die ASZT ja irgendwann nicht mehr. Gestern habe ich gelesen, dass es Erkenntnisse gibt, Dexamethason bei Kombibehandlungen nicht dauerhaft zu geben, sondern nach einer gewissen Zeit ganz wegzulassen. Toll. Oder Lenalidomid bei nachgewiesener MRD-Negativität nach zwei Jahren ohne Verlust von PFS abzusetzen. Prima.
Für die Transplantierbaren von uns ist eine ASZT im Hinblick auf das Gesamtüberleben über mehrere Behandlungslinien gegenwärtig aber die beste Option. Und die PFS-Zeit, die damit länger ist, ist für mich eine sehr schöne Remissionszeit mit hoher Lebensqualität gewesen, in der nicht dauernd behandelt, sondern nur kontrolliert werden musste.
Ansonsten plädiere ich dafür, ältere Studienergebnisse immer wieder auf ihre Aussagekraft zu überprüfen, weil sich gerade so viel ändert im „golden age“ der MM-Forschung.
Folge Deinem Herzen, aber vergiss dabei nicht, Dein Hirn mitzunehmen.
(Alfred Adler)