Hallo, Jeanny,
zunächst einmal zum Dexa. Dexa unterstützt die Wirkungsweise der meisten MM-Medikamente, weil es die MM-Zellen dafür empfänglicher macht, man könnte auch auf neudeutsch sagen: Das Zeug wirkt wie ein Booster. Aber Dexa alleine würde kein MM kontrollieren können. Naklar kann man Dexa auch weggelassen werden und sollte es auch, wenn die Nebenwirkungen von Dexa den Nutzen überwiegen. Da sind die Ärzte mittlerweile sehr entspannt in der Anpassung der Dosis, zumindest nach meiner Wahrnehmung.
Eine Entzugserscheinung durch das Absetzen von Lenalidomid kenne ich nicht. Aber vielleicht hilft es, sich in einer Modellvorstellung folgendes klar zu machen: Für die Aufrechterhaltung sehr vieler biologischer Funktionen benötigt unser Körper ein wohlaustariertes Gleichgewicht, man nennt das auch das "Prinzip der Homöostase". Bei jungen und vor allen Dingen gesunden Körpern läuft das in der Regel auf natürliche Weise und so automatisch ab, dass wir davon gar nichts mitbekommen, sondern es für selbstverständlich halten. Wir unterstützen oft unbewusst die Homöostase, wenn wir Hunger haben, Essen wir, wenn wir Durst haben, trinken wir, wenn wir müde sind, schlafen wir. Und das reicht in der Regel aus.
Auch, wenn es uns nicht gefällt: Von der Natur ist es eigentlich nicht vorgesehen, dass die meisten von uns so alt werden, wie wir das heute werden dürfen. Unsere Vorfahren, z.B. die Jäger und Sammler, wurden selten älter als 40 Jahre. Evolutionstheoretisch hat der Mensch damit auch seine Bestimmung erfüllt, nämlich sich fortzupflanzen. Unser höheres Alter wurde grundsätzlich erst in den Genen festgeschrieben, als es sich als Vorteil erwies, in einer Sippe 3 Generationen zu haben. Damit sich die Großeltern um die Kinder kümmern können, während die Erwachsenen auf der Suche nach Nahrung sind. Ist ja heute auch noch oft so, wohl dem, der fitte Opas und Omas mit Kleinkindern hat. Unser höheres Alter bezahlen wir allerdings dennoch mit dem Preis, dass die Homöostase bei den meisten von uns im Körper nicht mehr so gut aufrechterhalten werden kann (gibt natürlich Ausnahmen, genetische Gewinner eben). Und bei Krankheit gilt das auch altersunabhängig. Ein Ungleichgewicht in den Hormonen merken Frauen und Männer relativ schnell. Nun kann man durch die Kenntnisse der Medizin versuchen, dieses Ungleichgewicht abzumildern, automatisch wird das aber nicht mehr funktionieren. Natürlich kann man ein wenig über die Ernährung und Lebensweise regulieren, aber leider nicht alles. Ich selbst habe - auch durch die Einnahme von Lenalidomid - eine erhöhte Magensäureproduktion. Anfangs habe ich die übliche Ernährungsanpassung versucht, hat nicht gereicht, und ich habe einen recht üblen extraösophagealen Reflux bekommen, da wird dann das Schlucken dauernd schmerzhaft. Durch 40 mg Pantoprozol ging das nach 3 Monaten weg. Das erschien mir zu viel, also habe ich das weggelassen. Prompt kamen die Symptome zurück. Dann habe ich jeden zweiten Tag eine Tablette genommen - wurde nicht wirklich besser. Funktioniert hat dann, langsam auf 20 mg umzustellen. Und jetzt ist aktuell ein gutes Gleichgewicht bei hoher Lebensqualität erreicht, und ich werde den Teufel tun, daran mal wieder herumzuschrauben - dass mache ich erst dann, wenn sich wieder ein Ungleichgewicht einstellt.
Ich verstehe sehr gut, dass man versucht, möglichst ohne Medikamente auskommen zu wollen, sozusagen natürlich zu leben, aber das ist bei Erkrankung oder auch im Alter schlichtweg für viele biologische Funktionen nicht mehr möglich. Was ich mir nun gut vorstellen kann, ist, dass bei Deiner Mutter durch dieses beständige An- und Absetzen von Lenalidomid ein Ungleichgewicht entsteht, das ihr Körper nicht tolerieren kann. Wäre es nicht weise, hinzunehmen, dass ein Gleichgewicht bei ihr und damit eine hohe Lebensqualität gegenwärtig nur durch die beständige Gabe von L möglich ist? Und das einfach mal eine längere Zeit so zu lassen, also bis auf Weiteres? Bei mir ist es dagegen umgekehrt: Das L bringt mich nach zwei Wochen eben aus dem Gleichgewicht mit starken Nebenwirkungen und nicht mehr tolerierbaren Einschränkungen meiner Lebensqualität. Darum habe ich in einem Anpassungsprozess von fast einem Jahr gelernt, das dann nach zwei Wochen immer eine Woche abzusetzen. So geht es. Lieber wäre es mir aber, ich könnte das L durchnehmen, so, wie es auch in den Studien zur Erhaltungstherapie empfohlen wird. Weil eben L dauernd dem MM aufs Köpfchen haut, wenn es das mal wieder vorstreckt.
Keine Ahnung, ob das was hilft, aber manchmal, wenn man keine spezifische Erklärung hat, ist es m.E. sinnvoll, sich mal wieder mit den Grundfunktionen unseres Körpers zu befassen.
Dir und Deiner Mutter wünsche ich einen schönen Frühling, mit möglichst hoher Lebensqualität...
Folge Deinem Herzen, aber vergiss dabei nicht, Dein Hirn mitzunehmen.
(Alfred Adler)