Hallo,
das MM ist eine bedrohliche Erkrankung, die gut geeignet ist, Angst zu machen. Eine natürliche und gesunde Reaktion zur Angstbewältigung ist das Bestreben, Kontrolle auszuüben. Eine Möglichkeit zur Verbesserung des Kontrollerlebens bei Erkrankungen besteht darin, eine Ursachenzuschreibung vorzunehmen. Das ist sehr vernünftig und passt auch zu der Frage, die bei den meisten von uns MMlern im Verlauf der Erkrankung auftritt: Warum ich? Der Versuch nach Kontrolle besteht dann in der Vermeidung einer möglichen Ursache, und das fühlt sich gut an. Ein Problem dabei: Die Ursache der Entstehung eines individuellen MM kann schon sehr lange zurückliegen. Nach Dr. Rasche aus Würzburg genügt eine einzige mutierte überlebende B-Zelle, die im Lymphknoten viele, viele Jahre (er spricht von 20) geschlummert hat, die durch nicht nachvollziehbare Gründe aktiviert wird und langfristig zu einem MM führen kann. Auch diese Tatsache macht es schwierig, eine konkrete Ursache für das eigene MM zu finden. Es wundert daher auch nicht, dass in der Forschung bisher nur Hinweise auf mögliche Ursachen gefunden werden konnten, z.B. bei bestimmten MMs eine leichte familiäre Häufung bei Verwandet ersten Grades.
Was also tun, wenn aufgrund der Natur einer Erkrankung keine Ursachenzuschreibung möglich ist? Dann ist eine echte Kontrolle ja nicht möglich, und damit bleibt die Situation bedrohlich. Wir Menschen sind aber glücklicherweise so gebaut, dass das für uns nur schwer erträglich ist, und das ist auch gut so, denn dann suchen wir mit unserem Forschergeist weiter nach der Ursache, und auf der langen Strecke finden wir gar nicht mal so selten auch die richtige Lösung. Und bis dahin? Es kann für die Angstbewältigung tatsächlich besser sein, eine scheinbare Ursache als Erklärung heranzuziehen, damit ist dann zumindest eine Kontroll-Illusion möglich. Solche Kontroll-Illusionen sind dann genauso gut geeignet wie eine echte Kontrolle, um mit bedrohlichen Situationen umzugehen. Manchmal kann man damit sogar richtig liegen, oft aber eben auch nicht, und das kann gefährlich werden, weil man glaubt, für sich die richtige Lösung gefunden zu haben, nicht weiter nach der wirklichen Ursache sucht. Das Wahrnehmungssystem sucht dann bevorzugt Informationen auf, die zur eigenen Meinung passen, und zack: schon ist man in einer "Blase".
Ein gutes Beispiel dafür ist eine Studie von 2019, die mir im Hinblick auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Schilddrüsenhormonen und der Krebsentstehung genannt wurde:
Clinical Implications and Impact of Discovery of the Thyroid Hormone Receptor on Integrin αvβ3 – A Review
Aleck Hercbergs
Department of Radiation Oncology, Cleveland Clinic, Cleveland, OH, United States
Quelle: Front. Endocrinol., 23 August 2019, Sec. Cancer Endocrinology,Volume 10 - 2019 |
www.frontiersin.org/journals/endocrinolo...endo.2019.00565/full
Liest man den Artikel genauer, dann befasst dieser sich nicht mit einer ursächlichen Wirkung von Schilddrüsenhormonen bei der Krebsentstehung, sondern um einen möglichen Einfluss von Schilddrüsenhormonen auf einen bereits bestehenden Krebs. Es geht dabei um eine Beobachtung aus dem Jahr 1993 von Patienten mit sehr schnellwachsenden und bösartigen Krebs-Arten wie z.B. einem Glioblastom (das ist ein ganz übler Hirntumor) oder einem hochgradigen Weichteilsarkom. Das sind Krebsarten, die innerhalb weniger Monate zum Tod führen können. Bei diesen Krebsarten hat man nun beobachtet, dass eine Hypothyreose, also eine Unterversorgung mit Schilddrüsenhormonen, das Überleben um einige Monate, also im Mittel von 4 auf 10 Monate, verlängern konnte. Ich erkläre mir das - zugegeben laienhaft, man möge mich korrigieren - so: Eine Unterversorgung mit Schilddrüsenhormonen bremst allgemein die Stoffwechselvorgänge im Körper ab, und dann wird damit eben auch das Wachstum bösartiger Tumorzellen verlangsamt. Daraus kann man m.E. aber nicht ableiten, dass Schilddrüsenhormone für die ENTSTEHUNG von Krebs mitverantwortlich sind, sondern lediglich, dass bei einigen bereits vorhanden sehr schnell wachsenden und hochbösartigen Krebsarten eine Hemmung von Schilddrüsenhormonen zu einer etwas längeren Überlebenszeit führt. Jetzt könnte man auf folgende Idee kommen: Sollte man nun auch bei einem MM die Stoffwechselvorgänge verlangsamt lassen, wie ja bei einer Schilddrüsenunterfunktion, um auch einen Krankheitsfortschritt zu verlangsamen? Ich denke: Auf keinen Fall, denn die Risiken einer unbehandelten Schilddrüsenunterfunktion sind hoch.
Ganz allgemein wichtig finde ich noch, zu wissen, dass Krebserkrankungen, die vom Blut ausgehen, zumeist deutlich zu unterscheiden sind von anderen Krebs-Arten, die solide Tumore bilden (Ausnahme: Plasmozytom). In diesem Zusammenhang habe ich in einem Vortrag zur Behandlung des MM schon eine Unterscheidung in "flüssige" und "feste" Krebs-Arten gehört. Der o.a. Artikel bezieht sich aber nur auf "feste" Krebsarten, flüssige Krebsarten wie Leukämie, Lymphome oder das MM wurden nicht untersucht.
Wie aber können wir nun weiterkommen im Hinblick auf Ursachen für ein MM, die eine echte Kontrolle, z.B. auch eine Früherkennung ermöglichen. Möglicherweise werden die Daten der IStoppMM-Studie aus Island hier bessere Erkenntnisse liefern, vielleicht sogar die Identifikation bestimmter genetischer Besonderheiten oder Biomarker zur Verbesserung der Früherkennung eines symptomlosen MGUS. Es bleibt kompliziert, aber auch spannend.