Atlanta – Der Anti-CD38-Antikörpers Isatuximab erhöht als Bestandteil einer 4-fach-Induktionstherapie bei Patienten mit neu diagnostiziertem multiplem Myelom, für die eine Transplantation mit autologen Stammzellen infrage kommt, die Chance für eine Absenkung der Tumorlast unter das Level einer minimalen Resterkrankung (MRD).
Die MRD-Negativität nach Induktionstherapie verbessert die Langzeitprognose der Patienten. „Dies ist die 1. Phase-3-Studie, die eine Überlegenheit von Isatuximab zusätzlich zur 3-fach-Kombination im Vergleich mit dem bisherigen Standard belegt“, erläuterte Hartmut Goldschmidt, Professor für Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Heidelberg und am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT), bei der 63. Jahrestagung der American Society of Hematology (ASH). „Die Studiendaten sprechen dafür, Isatuximab bei diesen Patienten zusätzlich zur Standard-3-fachkombination Lenalidomid, Bortezomib und Dexamethason in der Erstlinie zu geben.“
Goldschmidt hat die Daten zum primären Endpunkt der GMMG-HD7-Studie, die MRD-Negativität, bei der ASH-Konferenz präsentiert. Die Tagung fand als Hybdridveranstaltung in Atlanta und parallel virtuell statt. In die Studie wurden 662 transplantable Patientinnen und Patienten (26-70 Jahre alt; durchschnittlich 58 Jahre) mit neu diagnostiziertem multiplem Myelom (NDMM) an 67 Studienzentren in Deutschland eingeschlossen. Sie wurden randomisiert in eine Gruppe, die die Induktionsstandardtherapie aus 3 42-Tages-Zyklen mit Lenalidomid, Bortezomib und Dexamethason (RVd) erhielt oder zusätzlich den monoklonalen Anti-CD38-Antikörper Isatuximab (Isa-RVd).
„CD38 ist ein spezifisches Epitop, das auf der Oberfläche fast aller Myelomzellen stark exprimiert wird“, sagte Goldschmidt während einer Pressekonferenz bei der ASH-Tagung. Die Bindung des monoklonalen Antikörpers an die Zielzelle löst direkt eine Zytolyse aus, vermittelt aber auch über verschiedene andere Mechanismen eine Stimulation des Immunsystems. Isa wurde mit 10 mg/kg i.v. dosiert und in Zyklus 1 an den Tagen 1, 8, 15, 22 und 29 gegeben und in den Zyklen 2 und 3 an den Tagen 1, 15 und 29.
Test auf minimale Resterkrankung ist hoch sensitiv
Die Testung auf MRD nach der Induktionsbehandlung erfolgte mithilfe einer Flow-Technik (Next-Generation-Flow; NGF) bei einem Cut-off von 1 x 10 -5. MRD-Negativität, der primäre Endpunkt der Studie, wurde bei 50,1 % der Patienten unter der 4-fach-Kombination erreicht und bei 35,6 % unter dem 3er-Regime. Die Odds Ratio (OR) für MRD-Negativität betrug 1,83 von Isa-RVd vs. RVd mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,34 – 2,51 (p < 0,001). Nach einer Multivariatenanalyse unter Berücksichtigung von Faktoren wie Alter, Geschlecht, Allgemeinzustand und Nierenfunktion blieb eine OR von 1,82 bestehen, ebenfalls statistisch hoch signifikant (p < 0,001).
Die Raten einer kompletten Remission unterschieden sich mit 21,6 % (RVd) und 24,2 % (Isa-RVd) nicht signifikant zwischen beiden Gruppen (p = 0,46). Anders bei einer mindestens Very Good Partial Response (≥ VGPR). Dieser Parameter war signifikant höher im Isa-RVd-Arm im Vergleich zur Standardinduktion (77,3 % vs. 60,5 %; p < 0,001). Zur Progression kam es bei 4,0 % in der RVd-Gruppe und bei 1,5 % im Isa-RVd-Arm. Das mediane progressionsfreie Überleben ist aber noch nicht bestimmt.
Mindestens 1 Ereignis unerwünschter Behandlungseffekte (≥ 3 Grad) trat bei 61,3 % unter Induktion mit dem Standard-3-fach-Regime auf und bei 63,6 % unter der 4-fach-Kombination. Es waren vor allem Neutropenien, Infektionen und neuronale Nebenwirkungen. Diese führten aber in dem Isa-RVd-Regime nicht häufiger zu einem vorzeitigen Abbruch der Behandlung als bei der Standardbehandlung.
„Eine Maximierung des Ansprechens auf die Induktionstherapie ist für die Langzeitprognose dieser Patientinnen und Patienten entscheidend“, so Goldschmidt. Dies gelte sowohl für Patienten, bei denen anschließend eine Stammzelltransplantation geplant sei, als auch für solche, die dafür nicht infrage kommen.
„Wie für die Abschätzung der Prognose die komplette Response gegen die MRD zu gewichten ist, lässt sich zur Zeit noch nicht endgültig beantworten, aber die Ergebnisse der Bildgebung und eine MRD-Negativität sind vermutlich die für die Prognose relevantesten Parameter“, sagte Goldschmidt bei einer Pressekonferenz während der ASH-Tagung. Schon beim gegenwärtigen Stand der Erkenntnisse sei bei Patienten mit NDMM eine 4-fach-Kombination inklusive Isatuximab als Induktionstherapie zu erwägen.
„Sollte sich für das progressionsfreie Überleben ebenfalls ein klarer Vorteil für den monoklonalen Antikörper ergeben, dürfte die Viererkombination neuer Standard werden.“ © nsi/aerzteblatt.de