Hallo Lufi,
vor ziemlich genau einem Jahr, damals 53-jährig, war ich in vergleichbarer Situation. Mir hat damals geholfen:
- mit meiner Frau und mit guten Freunden über die Situation zu sprechen
- mich ausführlich sowohl über die Krankheit als auch über den Umgang anderer mit Krebserkrankungen zu informieren (da ist mir u.a. das Forum hier sehr wichtig, ein fast täglicher Begleiter geworden)
- meine Gedanken aufzuschreiben, das hilft mir oft, mich zu klären
- mir fachliche, d.h. psychotherapeutische Hilfe zu holen. Neben dem vertrauten Kreis, der ja immer auch ein Kreis von z.T. stark Mitbetroffenen ist, brauchte ich die Möglichkeit, meine Gedanken und Befürchtungen im Kontakt mit einem nicht in der Weise Mitbetroffenen auszuleuchten.
Geholfen hat mir auch das Wissen um einen Phasenverlauf, wie er häufig bei der Einwirkung und Verarbeitung von Trauerfällen oder Traumata (beides ist finde ich einer Krebsdiagnose vergleichbar) beschrieben wird. Es tröstet, mit dem Phsenverlauf die Aussicht zu haben, nach der Phase des Schocks, der Verzweiflung o.Ä. auch wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen zu können. Idealerweise stellt sich eine neue Normalität nach geglückter Trauer/Traumaverarbeitung ein. Das ist bei mir auch nach einem Jahr ganz sicher noch nicht der Fall. Meine Auseinandersetzung mit diesem Zustand der ständigen Bedrohung mit lebensbedrohender Verschlechterung - ich vergleiche ihn mit dem mutmaßlichen Erleben eines HIV-infizierten, der um den Virus in sich weiß, dessen Erkrankung aber noch nicht symptomatisch geworden ist- unterliegt weiterhin starken Schwankungen zwischen irgendwie tieferem Lebensgefühl, depressiven Einbrüchen und Ängsten.
Einen etwas anschaulicheren Einblick in meinen Umgang mit der Situation können vielleicht die folgenden Textstellen aus den ersten drei Monaten meiner Krankheitsverarbeitung geben:
"1. Phase (von der ersten Verdachtsdiagnose durch den diagnostischen Prozess): die Beschäftigung mit der Diagnose und den Implikationen läuft immer mit, bewusst und unbewusst. Ein Teil des „Arbeitsspeichers“ ist permanent mit diesem „Programm“ belegt. Dadurch steht für die anderen Aufgaben im Leben nicht mehr so viel Kapazität zur Verfügung: ich bin schneller müde, schnell reizbar („ganz kurze Zündschnur“), schaffe komplexere Aufgaben nicht oder nur mit Mühe. Die bewusste Beschäftigung mit der Diagnose erfolgt am Anfang beinahe täglich, aber zeitlich abgegrenzt, schubweise, vornehmlich durch Lesen entsprechender Broschüren und Internetforen. Zwischendrin der Wunsch, beinahe der Impuls, das Ganze abstreifen zu können wie einen Alptraum, der doch nicht wahr sein kann. Bei der Mitteilung an Freunde und Verwandte kommen mir immer mal wieder die Tränen, wenn ich die Diagnose offenbare. Viele bieten Hilfe an, blanko. Durch die wiederholte Information der Freunde über die Krankheit durch mich werde ich aber auch mit Einzelheiten der Erkrankung vertrauter. Und diese Versachlichung führt von dem betroffenen emotionalen Erleben weg. Dann bin ich Dozent, nicht mehr Betroffener. ...
2. Phase: ich strebe zurück in die Normalität. Mein Bild von der Verarbeitung orientiert sich an dem Phasenerleben bei der Bewältigung von Verlusten, wo es irgendwann auch eine neue, den Verlust integrierende „Normalität“ gibt, wenn die Verarbeitung gelingt. Während es in der 1. Phase eher die Ausnahme war, die ich etwas verwundert registriert habe, wenn ich das Gefühl hatte, mich wieder „ganz der Alte“ (was vor allem meint: der ohne die schwelende Bedrohung, der vor der Diagnose) zu fühlen, nehmen die Zeiträume jetzt zu, und ich erlebe es als etwas Wohltuendes, Erstrebenswertes, z.B. mich wieder wie „vorher“ in der Arbeit zu fühlen. Dazu kommt: auch bei den Untersuchungsergebnissen kommt nicht mehr so viel und so häufig was Neues, der „Nachrichtenwert“ nimmt ab....
3. Phase (ca 3 Monate nach Erstdiagnose): wieder bin ich betroffen von der Selbstverständlichkeit, mit der der Onkologe vom Fortschreiten der Krankheit ausgeht. Und dann kommt noch der leichte IgG-Anstieg dazu, die Aussagen des Onkologen unterstreichend. Mir wird deutlich, dass ich nicht wieder „der Alte“ werden werde, dass ich die Erkrankung immer dabei habe, nicht nur als Wissen, sondern auch spürbar als etwas Energiebeanspruchendes. Ich reagiere depressiv einbrechend."
Soweit aus meinen Notizen der ersten drei Monate. Inzwischen habe ich insgesamt sicher besser gelernt, mit dieser Diagnose zu leben, aber "normal" ist noch nichts.
Dir drücke ich die Daumen, dass Du wirksame Hilfsmöglichkeiten findest bei der Verarbeitung der Diagnose. In diesem Sinne herzliche Grüße
Dietmar