Hallo, Diddlmaus,
Menschen sind eben sehr unterschiedlich in dem, was sie als Bedrohung empfinden. Was dem einen schon große Ängste bereitet, ist für den anderen noch nicht einmal das Nachdenken darüber wert. Nicht umsonst gibt es dicke, psychologische Wälzwerke über die Ursachen von Ängsten und Ängstlichkeit. Erkenntnisse der modernen Hirnforschung mit funktioneller Kernspintomographie legen nahe, dass es unterschiedliche Sensibilitäten bei der Verarbeitung von Ängsten im Oberstübchen gibt. Die Geisteswissenschaftler streiten wie so oft noch über die Ursache (Anlage oder Umwelt). Neben Lernerfahrungen und dem Bindungserleben in der frühen Kindheit kann es eben auch angeborene Dispositionen im zentralen Nervensystem geben, die lebenslang eine erhöhte Grundängstlichkeit bedingen. Es ist halt sehr viel schwieriger im Umgang mit Ängsten, wenn ein sensibilisiertes Nervensystem vorliegt, das sehr leicht körperliche Reaktionen auf angstbesetzte Reize auslöst - und das kann man sich erstmal nicht aussuchen.
Psychotherapie kann im Umgang mit Ängsten helfen, z.B. durch den Erwerb von Angstbewältigungs-Strategien. Das heißt aber nicht, dass damit Ängste ganz verschwinden werden. Ein Mensch mit Spinnenphobie wird durch eine Psychotherapie nicht seine Ängste vor den Spinnen verlieren. Aber er gerät bei einem guten Therapieerfolg halt nicht mehr schreiend in Panik, wenn eine fette Spinne durchs Schlafzimmer läuft, sondern er schafft es, die körperlichen Angstreaktionen zu unterdrücken und im besten Fall das Viech sogar umzulegen oder unter einem Glas einzufangen und nach draußen zu bringen.
Insbesondere bei einer unheilbaren Erkrankung ist es normal, wenn lebensbegleitend Ängste auftreten, mal mehr und mal weniger. M.E. kann eine gute, laufende Krankheitsverarbeitung im Umgang damit helfen, aber abgeschlossen ist eine solche Krankheitsverarbeitung beim MGUS oder MM für viele wohl Erkrankte nie. Es wäre natürlich prima, durch gute Gedanken oder Psychotechniken die Erkrankung ein für alle Mal bewältigen zu können. Wie oft habe ich mir das selbst schon gewünscht, einfach mal wieder diese Unbefangenheit zu haben, wie vor der Erkrankung. Aber das Leben ist leider kein Wunschkonzert, und das mit dem Zurückkehren zur Tagesordnung funktioniert nicht, weil diese Erkrankung uns in unserem tiefsten Inneren (manche sagen auch: dem „Selbst“) verändert. Denn eines kann unser Gehirn nicht: Vergessen (es sei denn, Gevatter Alzheimer schlägt zu). Also bleibt nur, sich den immer mal wieder auftretenden Ängsten auch immer mal wieder zu stellen, und das gelingt mal besser und mal schlechter. Darüber reden und sich Hilfe zu holen ist in den meisten Fällen besser, als so zu tun, als hätte man keine Ängste mehr, weil man nicht als Schisser gelten möchte. Ich finde es wichtig, sich nicht schuldig zu fühlen, wenn es einem nicht gelingen kann, mit seinen Ängsten abzuschließen - ganz einfach deswegen, weil dies nur allzu menschlich ist.
Nach 6 Jahren schaffe ich es jetzt meistens ganz gut, mit meinen phasenweise auftretenden Ängsten umzugehen. Das geht besser, wenn ich mich psychisch im Gleichgewicht fühle und es nicht noch irgendwelche anderen stressigen Baustellen in meinem Leben gibt. Aber wenn sich in meinem Körper plötzlich etwas anders anfühlt, was länger anhält (ist das nur eine schmerzhafte Verspannung im Nackenbereich oder knuspert das MM da rum?), setzt eine erhöhte Selbstbeobachtung ein, und ich mache mir Sorgen. Dasselbe gilt für die alle drei Monate stattfindende Kontrolle meiner Blutwerte. Da lerne ich zuweilen das Beten wieder, bis die Ergebnisse der Leichtketten und des Kreatinin nach 3 Tagen endlich bei mir einflattern, und ich denke, das wird auch so bleiben...
Folge Deinem Herzen, aber vergiss dabei nicht, Dein Hirn mitzunehmen.
(Alfred Adler)