Liebe Katrin,
ich habe überlegt, ob ausgerechnet ich etwas zu deinem Beitrag schreiben soll... Wie du vielleicht weisst, ist mein Mann an einem MM verstorben. Ich bin also genau das Beispiel, das du aktuell nicht brauchen kannst, oder? Gerade deshalb:
Ja, die Angst ist immer gegenwärtig. Mal stärker, mal schwächer. Es gibt kein Mittel dagegen, jedenfalls keines, das dir jemand von aussen verordnen könnte. Man kann sie nicht wegdiskutieren, man kann sie nur verdrängen. Manchmal.
Die nicht betroffenen Menschen in deiner Umgebung werden deine Angst zwar verstehen, aber nicht wirklich nachempfinden können. Sei ihnen nicht böse. Wahrscheinlich kanntest du dieses tiefsitzende Gefühl bisher auch nicht. Manche Dinge muss man selbst erleben, um sie verstehen zu können.
Ich vermute, dass du noch jünger bist. Da beschäftigt man sich normalerweise nicht mit Gedanken rund um Krankheiten und Tod. Deine aktuellen Sorgen sind weitgehend neu für dich. Lass dir selbst genügend Zeit, die neuen Eindrücke und Gefühle zu verarbeiten, zu sortieren und deinen eigenen Weg damit zu finden. Es wird eine Weile dauern, aber du wirst sehen, dass sich Gedanken und Gefühle im Zeitverlauf entwickeln.
Angst um einen lieben Menschen ist grundsätzlich nichts Negatives und nichts, wofür man sich schämem müsste. Wir haben Angst um Menschen, die wir lieben. Angst vor dem Verlust eines Menschen ist der Preis, den wir für Liebe zahlen müssen. Es gehört wohl beides zusammen.
Angst kann lähmen und Angst kann beflügeln. Am Anfang nach einer solchen Diagnose erlebt man oft eine Art Schockstarre und ist zu keiner vernünftigen Handlung fähig. Im Zeitverlauf lernt man, aus der Angst etwas Gutes zu gewinnen und positiv zu handeln. Sobald man handelt/handeln kann, lässt die Angst nach.
Nach meiner Erfahrung ist es sehr wichtig, miteinander zu reden, auch über die Angst. Sprachlosigkeit ist weder für den Patienten noch für die Angehörigen hilfreich. Dein Vater wird auch Angst haben. Teilt eure Sorgen miteinander und helft euch gegenseitig. Dann gewinnt ihr Kraft, um gemeinsam den Kampf gegen das MM aufzunehmen. Es gibt hier im Forum genügend Beispiele für Menschen, die seit vielen Jahren mit der Erkrankung leben und gelernt haben, damit gut umzugehen. Das ist nicht einfach, aber es ist möglich. Als wir die Diagnose bekamen, gaben die Ärzte uns eine Perspektive von etwa einem Jahr. Wir haben diese Zeit durch gemeinsame Anstrengung, gute Ärzte und Medikamente und eine große Portion Liebe um ein Vielfaches verlängert.
Du wirst sehen, dass ihr die aktuelle schwierige Zeit besonders intensiv erlebt. Das Leben bekommt eine andere Bedeutung, jeder Augenblick wird kostbarer, man kann die guten Dinge des Lebens viel intensiver geniessen. Gleichzeitig verblassen unwichtige Kleinigkeiten, an denen man sich sonst oft aufreibt und darüber ärgert.
Sei für den Patienten da. Du musst nichts besonderes tun, einfach nur da sein genügt. Frag ihn, was er möchte, was ihm gut tun würde und gib ihm die Gewissheit, nie einsam zu sein.Wenn es ihnen unter der Therapie mal schlechter geht, sehnen sich Patienten oft einfach nach Ruhe. Dann gib sie ihm. In den besseren Zeiten freut er sich vielleicht wieder über mehr Besuch. Übrigens darf man mit Krebspatienten gemeinsam auch lachen und so viel Spaß haben, wie eben möglich!
Denk dabei auch an dich. Versuche, immer Reserven an Zeit und Kraft für dich übrig zu behalten. Es macht keinen Sinn, sich aufzuopfern, sich zu verausgaben. Sorg dafür, dass du Auslgeich und Entspannung findest. Triff dich mit Freunden, mache was immer dir gut tut.
Versuche, die Krankheit nicht zum allein bestimmenden Faktor in deinem Leben zu machen. Das ist am Anfang sehr schwierig, wird im Zeitverlauf aber besser. Neben dem Faktor Krankheit muss immer das normale Leben genügend Platz haben. Manchmal muss man seine Gedanken ein bißchen in diese Richtung schubsen...
Ich schicke dir eine Umarmung und alle guten Wüsnche!
Margret