Liebe Kathi,
für mich - die ich immer topgesund war, beruflich selbstständig bin und einen pflegebedürftigen Mann habe, war die Diagnose einer mir bis dato unbekannten und unheilbaren Krankheit ein schwerer Schock. Zumal es so ziemlich der "worst case" war - ich stand kurz vor der Querschnittslähmung ab Hals und meine Knochen waren und sind noch völlig zerbröselt mit mehreren Wirbelbrüchen und einem Beckenknochen, der so dünn wie Papier ist. Und dabei war ich doch nur wegen Rückenschmerzen ins CT geschickt worden. Ich wollte auf keinen Fall damit leben und hätte meinem Leben am liebsten ein Ende gesetzt. Aber erstens war ich dafür zu feige und zweitens konnte ich das meiner Familie nicht antun. Mein erwachsener Sohn meinte, ich könnte doch nicht so einfach aufgeben, schließlich wäre ich immer stark gewesen. Recht hatte er! Am Anfang wollte ich mir nicht einmal mehr Schuhe kaufen - ich meinte, sie nicht mehr zu brauchen. Die erste Zeit war traumatisch - ich zweimal wöchentlich den ganzen Tag mit Halskrause und Stützkorsett ohne Begleitung in einer hämatologischen Krankenhausinstinstitutsambulanz, in der es zugeht wie im Taubenschlag und der Personalmangel regiert, ständig wechselnde Assistenzärzte, Probleme mit Krankenkassen, Berge von auszufüllenden Formularen und Angst, die ab jetzt mein Leben regierte.Und zu allem Überfluss auch noch eine schlechte Prognose- die ich durchaus wissen wollte. Ich brauchte etwa ein Jahr, um positiv in die Zukunft blicken zu können. Getragen hat mich die überwätigende Anteilnahme und Hilfe meiner Freund/Innen, Nachbarn und selbst entfernten Bekannten oder auch Musikkolleginnen, die mir Karten schrieben und mich besuchten und mir zuhörten - denn mir hat es sehr geholfen,über die Erkrankung zu reden.Letztlich trägt mich mein Glaube und das Gebet und irgendwann begriff ich, dass mein Leben sowieso in Gottes Hand liegt - und dass ich auch noch eine Zukunft habe, egal wie lange die andauern wird. Und es liegt in meiner Hand, jeden Tag mit Angst und schlechten Gedanken zu zerschießen oder jeden Tag freudig zu genießen. Und ich habe mich ganz bewusst für die zweite Möglichkeit entschieden und seitdem ist das Leben so schön wie noch nie zuvor. Ich bin unheimlich glücklich, die Hochzeit meiner zweiten Tochter erlebt zu haben und jeden Montag mit meinem kleinen Enkel in den Wald und auf den Spielplatz zu gehen - ich freue mich über Sonnenauf-und -untergang und dass ich noch laufen kann. In der örtlichen Selbsthilfegruppe sind in den drei Jahren, die ich sie besuche, schon drei Mitpatienten gestorben. Ein Kollege, der sie vor elf Jahren mitgegründet hat, meinte, jedes Jahr ein Toter wäre der Standard. Nein, locker sehen kann ich unsere Krankheit nicht. Sie ist letztlich tödlich und die Behandlung kein Spaziergang und damit für mich eine große Herausforderung, trotzdem und ohne Verdrängen meine Fröhlichkeit und Leichtigkeit zu behalten.Und wir dürfen auch auf ein Wunder hoffen, das ist legitim. Und stell dir nicht die Frage, ob du deine Tochter aufwachsen siehst, heute ist der Tag an dem du ihr Aufwachsen siehst!
Liebe Grüße
Nicole