Hallo,
also nochmals Danke für die vielen Antworten und auch das geduldige Warten. "Man hats manchmal nicht leicht, aber leicht hats einen", muss mal jemand gesagt haben und so gings mir gestern. Den ganzen Tag on Tour, Klinik, Verwandte durch die Gegend karren ...
Ich werde einfach auf eure Antworten der Reihe nach antworten damit wir da nicht durcheinander kommen.
Zu dem Thema Kritik allgemein kann ich nur sagen: Das Leben ist nicht aus Zucker und nicht Alles läuft wie es soll. Von daher bin ich von konstruktiver (!) Kritik nie abgeneigt. Wenn ich von euren Erfahrungen profitieren kann um so besser.
Da ich davon ausgehen muss, das die Person, um welche es sich handelt, hier mitlesen könnte, habe ich versucht ein paar Dinge wegzulassen, allerdings hat es nicht wirklich funktioniert und doch mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet...
Eine Sache habe ich noch: Nachdem ich auch selbst vom "nahen Tod" betroffen war, habe ich mich dazu entschieden mit dem Thema recht simpel umzugehen: Ich habe den immaginären, schwarzen, Schatten der über meinem Leben liegt einfach aus selbigen verbannt und reden recht "lapidar" und nüchtern darüber. Wenn ich also davon reden das "man den Löffel abgibt" oder "die Dienstleistung Leben vorrübergehend eingestellt" wurde, mag das nicht bei jedem auf "Zustimmung" stossen. Nehmt mir es einfach nicht übel
@abifiz
- Der Patient ist Anfang 50
Wenn ich wüsste was ich hinter seinem Verhalten vermuten könnte würde ich hier nicht schreiben. Ich persönlich denke das er es wohl irgendwie verdrängen möchte...
- Was für ein Mensch ist er
Er ist ein Top Kerl. Kann man einfach so stehen lassen. Er hatte es wohl nie leicht, aber in den Jahren in denen ich Ihn kenne hat er immer irgendwie geholfen und war immer so der "quirlige" unter den gemeinsamen bekannten. Er hatte immer irgendwas worum er sich gerade gekümmert hat. Immer auf E-Bay seinen Krempel gekauft und verkauft, sein Auto verschönert, sein Motorrad umgebaut oder sonst irgendwas, was ihn beschäftigt hat.
Ich habe mal - etwas aus Verärgerung heraus und nicht ganz ernst gemeint zu ihm gesagt:"Multiples Myelom, kein Immunsystem, mitten in der Chemo, aber auf EBay Kleinkram ersteigern, da biste dabei!!". Nur um dann für mich zu erkennen das ihn das am Leben hält und ein bisschen sein Lebenselixier ist. Danach habe ich ihn dann sogar mit dem Rollstuhl über die Flohmärkte gekarrt...
- Religion
Kann ich ehrlich nichts zu sagen. Würde sagen er ist Atheist...
- Persönliche Charakteristika
Da bin ich dann eher derjenige der sich schwer tut so was einzuordnen. Er ist auf jeden fall ehrlich, pünktlich loyal, hat Herz und ein netter Mensch der auch sehr hilfsbereit ist. Also auf jeden Fall mal kein Arschl*ch
- "Wieso hat er so viele Freunde?"
Also ganz ehrlich: Die Frage klingt quasi wie ein Vorwurf. Er hat sie halt. Ist ein sehr umgänglicher Mensch der wohl gerne viele Leute um sich hat. Das stört mich ehrlich gesagt gar nicht und ich verstehe die Frage bzw. deren Hintergedanke nicht so wirklich.
Wenn ich von "Freunden" rede dann sind das echte Freunde und keine flüchtigen Bekanntschaften. Wir reden hier nicht über einen Facebookstatus...
- Emotionale "unerledigte" Geschäfte
Sowas hat jeder. Und wie bei jedem gibt es bestimmt welche die man auch gerne erledigt hätte bevor man endgültig den Löffel abgibt. Leider geht das nicht immer. Wie es bei ihm ist kann ich aber wirklich nicht sagen.
- Konfrontative Gespräche
Also ich nehme eher selten ein Blatt vor den Mund und bin auch jemand der schonmal solche Sprüche fliegen lässt wie "Also das du an Lungenkrebs stirbst weil du weiter rauchst werden wir beide nicht mehr erleben...". Von daher weiß er genau was er zu erwarten hat und auch wie er mich zu nehmen hat. Da ist er mir auch nicht böse.
Ok, als ich ihm aus dem Auto zugerufen habe "Latsch mal schneller, du hälst hier alle auf", als er sich mit seiner Vogelscheuche (das Ding an dem alle Geräte hängen) über den Zebrastreifen aufm Klinikgelände geschleppt hat, brauchte er schon etwas länger bis er drüber lachen konnte. Dafür haben wir einen Tag später dann richtig herzlich drüber gelacht und es weiter ins lächerliche gezogen.
Und komm mir jetzt keiner mit Taktgefühl. Ich kann nicht den ganzen Tag ne trübe Mine ziehen und ihn bemitleiden nur weil er so krank ist. Das will er auch gar nicht und er will ja leben und lacht dem Tod auch schonmal ins Gesicht, das ist nie das Problem gewesen und wird es auch nie sein.
Nur manchmal macht er auch ganz zu. Besonders wenn man sich nach seinem aktuellen Zustand erkundigt und es nicht gerade gut um ihn steht...
- Die Sprache im Umgang miteinander
Ich denke das haben die letzten Zeilen ausführlich beantwortet
- Wie er selbst zu seiner Situation steht
Ich denke er kann auch richtig gut drüber lachen so lange jemand bei ihm ist. Aber wenn er mal alleine ist werden auch mal ein paar schwarze Wolken aufziehen und es ein paar düstere Momente geben. Ich habe da nie wirklich mit ihm drüber gesprochen, könnte ich aber ernsthaft mal probieren.
==== SCHNIPP ======= 8< ===========
Wie soll ich das miteinander kombinieren: "Er macht sich selbständig auf die Socken zu den Wochenenden nachhause..." mit "Er kann nicht mehr laufen, schafft es nicht mehr zur Toilette, wird künstlich ernährt...".
====== >8 ======= SCHNAPP ========
Da fehlt jetzt die zeitliche Reihenfolge:
Er hatte eine Stammzellentransplantation und war dann erst mal zwei Wochen lang an die Klinik gefesselt.
Danach durfte er dann auch wieder raus, allerdings sind die Helferzellen nicht richtig angesprungen. Nachdem das dann wieder ein paar Wochen nicht geklappt hat, hat man ihm weitere Helferzellen verabreicht welche dann wohl angesprungen sind.
Dann kam auf einmal die Nachricht er hätte Urlaub und könnte Sa/So nachhause und ob ich ihn wohl fahren könnte. Klar.
Schon beim Einsteigen ins Auto meinte er "Ich bin jetzt sehr Kurzatmig, aber das ist nach der Transplantation usw. normal. Mach dir also bitte keine Gedanken.".
Erst als er die Woche drauf so krank wurde und die Kurzatmigkeit noch schlimmer wurde ging mir das Licht auf, das es wohl doch an was Anderem liegen muss und nicht an der Transplantation.
Das ist auch so der Moment gewesen wo ich angefangen habe erhebliche Zweifel an seinen Aussagen zu haben.
Jetzt muss man noch dazu wissen: Er sitzt schon länger, gewollt, im Rollstuhl. Er könnte auch laufen, aber er karrt sich lieber selber durch die Gegend. Von daher ist es auch normal das er immer im Rollstuhl um einen herum ist und nicht aussergewöhnlich oder "verdachtserregend" wenn er mal drin sitzt.
Die künstliche Ernährung kam auch erst nach dem Urlaub hinzu. Aber wohl wegen dem Durchfall und weil er so garnichts bei sich behalten kann.
- "luzide, Halluzinationen"
Meinst Du damit das er träumerisch ist oder das er verträumt durch die Gegend läuft oder in seiner eigenen Blubberblase lebt? Halluzinationen hat er keine.
- Angst, Wut,...
Ob er Angst hat keine Ahnung, aber wer hätte die in seiner Situation nicht... Wut? Wenn ja, dann nutzt er sie immer um weiter zu machen. Das entspricht auch seinem Wesen. Ob er sich wirklich hat? Keine Ahnung.
Und angeödet von der Situation? Klar wer wäre das nicht ... Wenn man den ganzen Tag in der Klinik liegt will man irgendwann raus. Völlig normal. Als ich damals den Fuß in Gips hatte und nur sieben Tage in der Klink war ...
- Warum glauben wir er sei seinem Tod nahe
Nun, zum Einen gibt es die offensichtlichen Dinge:
- Extreme Kurzatmigkeit
- Keine Kraft
- Nur am Schlafen
- Künstliche Ernährung über die Blutbahn
- Mehr Beutel an der Vogelscheuche als sonst
- Sieht aus wie ein Häufchen Elend
Und dann die subjektiven Dinge:
Wenn man in einen Raum kommt und sieht da ein Häufchen Elend und einem sofort der Gedanke durch den Kopf geht "Oh-Mein-Gott". Und er sich dann später beim Nachfragen mehrmals verplappert, dann wird man irgendwie "hellhörig" und "sensibilisiert"...
- Wie ich zu ihm stehe
Ich bin einfach nur besorgt und habe Angst dann nicht da zusein wenn er es bräuchte.
Also die Vermutungen sind leider alle falsch. er kann sehr wohl über all das reden und auch damit umgehen. Vielleicht kann er es nur in der jetzigen Situation nicht richtig. Aber das einzuschätzen wird schwierig. Ich denke das müsste ich eher "ausprobieren". Da bin ich dann allerdings auch wieder sehr vorsichtig denn ich möchte die jetzige Situation nicht "verschlimmern" oder "zerstören" indem ich evtl. einen wunden Punkt treffe...
@Margret
Nein er weiß nicht von meinen Sorgen, Vermutungen und Ängsten. Momentan möchte ich ihn damit auch nicht belasten. Wäre wohl zu viel des Guten.
Einen Brief zu schreiben ist eine gute Idee, allerdings habe ich keine Idee wie er darauf reagieren würde und wenn es in die Hose geht, dann stehe ich wieder da.
Das mit den Besuchen ist so eine Sache:
Zum Einen hat er den Leuten teilweise wirklich verboten zu kommen. Besonders in den kritischen Phasen der Chemo, da wollte er nicht das ihn jemand so sieht. Diese Verbote hat er dann nie mehr aufgehoben. Einige kommen einfach wieder, andere gar nicht.
Zum Anderen ist es auch so, das durch diese "Verbote" und auch diese "Heimlichtuerei" die Urlaubskontingente der Leute entsprechend aussehen und viele eigentlich nicht mehr frei machen können ohne unbezahlten Urlaub zu nehmen. Jeder hat bisher versucht für ihn da zu sein und keine "Kosten und Mühen gescheut", allerdings gibt es leider auch Grenzen. Ich bin einer von ganz wenigen die in direkter Nähe wohnen und nicht hunderte Kilometer fahren müssen.
Um diese Problematik weiß er allerdings nicht (die Distanz: ja, die Urlaubskontingente: nein). Und damit will ich ihn momentan auch nicht belasten. Es ist denke ich auch etwas was sich von alleine lösen würde, wenn er uns die Wahrheit über seinen Gesundheitszustand sagen würde.
Nachdem es ihm seit letzten Samstag sehr schlecht ging, hat er sich mittlerweile wieder einigermassen erholt... Toi toi toi...
Cu